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So aber läuft alles nach Plan. Theaterchef Ansgar Haag kommt um halb zehn an den Gitterzaun, ein roter Knopf steht für ihn bereit. "Gast" steht auf dem weißen Bauhelm, den er trägt – Ingenieure und Bauleute haben heute die Regie übernommen. Beeindruckt sei er, dass der vor Monaten ausgetüftelte Terminplan so akkurat eingehalten wird, sagt Haag später. "Es geht ja alles auf den Termin der Wiedereröffnung zu." Im Herbst kommenden Jahres soll es soweit sein. Kurz nach halb zehn drückt Haag auf den Knopf, ein lauter Böllerschuss ertönt. Die Bläser der Hofkapelle stimmen eine feierliche Weise an, über den Teich hinterm Theater gondelt ein Floß. Am anderen Ufer sind Bänke aufgestellt, im weißen Zelt gibt"s Bratwurst vom Rost und Gulasch mit Klöß". Dicht gedrängt steht das Publikum – die Theatermannschaft inszeniert den technischen Vorgang als kleines Fest fürs Volk. Nach dem Böllerschuss übernimmt Jochen Wüllenweber von der Firma Konecranes die Hauptrolle. Er bedient die Pumpe, die Stickstoff aus mannshohen Gasflaschen in die Hydraulik presst. Ein Gewirr aus schwarzen Schläuchen führt von der orange lackierten Pumpe zu den ebenfalls orangen Stützen, die unter die Wand geschoben worden sind. Die Pumpe zischt leise, auf acht Gaspolstern schwebt die Theaterwand jetzt. Ein paar kräftige Bauarbeiter könnten sie per Hand verschieben, sagt Dirk Groth, Wüllenwebers Chef. Schiffe und Brückenteile lässt seine Mannschaft sonst schweben, Wände werden eher selten versetzt.
Wie eine Scheibe Brot ist diese Wand vor wenigen Tagen vom Laib des Theaters abgeschnitten worden. Vom spitzen First über die Seiten und quer durch das Fundament geht der teils handbreite Schnitt. Zeitgleich wurde eine zwei Meter tiefe Baugrube ausgehoben. Vier meterbreite Schienen liegen darin. Das Gemäuer wurde mit einem Gestell aus Stahlstreben verschraubt. Die wenigen Streben wirken filigran vor der wuchtigen Wand, die Detlev Nicolmann unbedingt versetzt haben wollte. Als technischer Leiter des Theaters hatte sich Nicolmann schon immer eine vollwertige Hinterbühne gewünscht. "Bei der Sanierung hatten wir endlich die Chance, eine zu bekommen", sagt er. Bisher musste ein Bühnenbild erst vollständig abgebaut und per Lastwagen ins Magazin geschafft werden, bevor die Kulisse für das nächste Stück aufgebaut werden konnte. Nach dem Theaterumbau soll eine Kulisse auf Wagen von hinten nach vorn gefahren werden können. Außerdem werden die Schauspieler ungestört proben können, während hinter ihnen gewerkelt wird.
Fünf statt zehn Meter Nicolmann hat sich anfangs noch mehr Platz gewünscht als die fünf zusätzlichen Meter. Zehn, "aber da wären wir mit der Wand im See gelandet". Zu teuer, sagt er. Sieben Meter, "aber die Feuerwehr sagte, sie brauche noch eine Umfahrung". Fünf Meter, entschieden schließlich die Denkmalpfleger. "Die sind zwingend notwendig für die Hinterbühne", so Nicolmann. 300 000 Euro koste das Verschieben bei einer Gesamtsumme von 21,5 Millionen für Umbau und Sanierung. "Es ist billiger, als die Fassade abzutragen und Stein für Stein zu nummerieren." Eine Stunde nach dem ersten ein zweiter Böllerschuss. Die Wand ist mittlerweile mehr als einen Meter vom Haus entfernt. Ein Wald aus Stahlstützen wird in der riesigen Halle sichtbar, sie reichen bis unter den First. Oben sichern zwei armdicke Stahlstreben die frei stehende Wand, unten beobachtet Messtechniker Thomas Menger den Bildschirm seines Laptops. Der Rechner ist mit acht Sonden verbunden, die den Neigungswinkel der Wand messen. Alle Zahlen sind kleiner als Eins, das Gemäuer steht also nahezu lotrecht. Und setzt sich nach einer kurzen Pause wieder in Bewegung. Ein Steinbrocken musste beiseite geräumt werden, der vom alten Fundament gebrochen war. "Das sollte eigentlich nicht passieren", sagt Steuermann Wüllenweber. "Ist halt live", antwortet Messingenieur Menger.
Für diese Inszenierung gab es keine Generalprobe – und bis auf die kurze Stockung läuft alles reibungslos. Bauarbeiter kommen aus dem entkernten Theater, halten mit Handykameras den Augenblick fest. Rund um den Teich stehen die Zuschauer, sehen staunend dem Stück für Stickstoff und Kompressor zu. Eine Stunde eher als geplant schwebt die Wand schließlich über den fünf Betonklötzen des neuen Fundaments. Polier Konrad Kahle von Bennert Bau springt in die Baugrube, misst mit dem Zollstock den Abstand nach. Ein eher symbolischer Akt, seine Kollegen haben schon alles mit Nivelliergeräten geprüft und für gut befunden. Acht Zentimeter Luft bleiben schließlich zwischen Wand und Sockel, der Zwischenraum wird später mit Beton ausgespritzt. Durch den Sägeschnitt sei die Unterseite der Wand uneben, erklärt Statiker Haustein. "Es wäre etwas wacklig, wenn man sie einfach so aufsetzt." Sagt"s und geht – das Stück endet ohne Knall und Beifallssturm.
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