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Drehort der Buddenbrooks und Schauplatz eines Politskandals – die Villa Clementine in Wiesbaden

Die Bennert Gruppe

Für die serbische Königin und ihren elfjährigen Sohn Aleksandar sollte die prunkvolle Stadtvilla eigentlich ein sicheres Versteck sein. Natalija Obrenovic hatte sich im Jahre 1886 von ihrem Mann Milan, der seit der Proklamierung des Königreiches im Jahre 1882 als Milan I. über Serbien herrschte, getrennt. Der Monarch pflegte einen äußerst ausschweifenden Lebensstil, geprägt von Verschwendungssucht, Spielleidenschaft und zahlreichen Affären, u. a. mit Jennie Churchill, der Mutter des späteren britischen Premierministers. Er war daher auch unter dem Namen „König Lustig vom Balkan“ bekannt. Um ihren Sprössling vor den schädlichen Einflüssen des neu gegründeten Königshofes zu schützen und um den alltäglichen Kränkungen zu entgehen, verließ Natalija von Serbien
Belgrad und traf nach einer Irrfahrt über Florenz und Wien - stets auf der Flucht vor den Häschern des Königs - schließlich in Wiesbaden ein. Als gebürtiger Russin lag der serbischen Königin die damalige Weltkulturstadt als Zufluchtsort nahe, da sich dort aufgrund der engen Beziehungen zwischen dem Herzogtum Nassau und dem Zarenhaus eine bedeutende russische Gemeinde etabliert hatte. Die Villa Clementine wählte sie nach mehreren Immobilienbesichtigungen als standesgemäßen Unterschlupf aus und mietete das Anwesen ab dem 01. Juni 1888. Mittlerweile hatte jedoch der serbische König Milan I. den Aufenthaltsort seiner Gattin auskundschaften lassen. Er setzte die deutsche Reichsregierung unter Druck und forderte Amtshilfe bei der Auslieferung des Kronprinzen, der den Fortbestand seiner Dynastie gewährleisten sollte. So kam es schließlich am 13. Juli 1888 zu einer Umstellung der bereits seit langem observierten Villa durch Offiziere und Polizisten. Der serbische Kriegsminister General Protic und der Wiesbadener Polizeipräsident von Reinhaben verschafften sich Zutritt, nahmen Aleksandar in Gewahrsam und erlegten Natalija von Serbien auf, das Deutsche Reich innerhalb von zehn Stunden zu verlassen. Der Kronprinz wurde in einem Sonderzug zurück nach Belgrad gebracht. Der Fall erregte damals weltweites Aufsehen und ging als „Wiesbadener Prinzenraub“ in die Neuere Geschichte ein.
Nachdem Aleksandar Obrenovic im Jahre 1893 den Thron bestieg, zeichnete sich schnell ab, dass er seinem Vater in Bezug auf Promiskuität und sonstige Laster in nichts nachstand. Für einen handfesten Skandal sorgte der neue Herrscher, als er 1900 die zehn Jahre ältere Hofdame seiner Mutter Draga Lunjevica heiratete. Nachdem sich Natalija energisch gegen die Mesalliance ihres Sohnes aussprach, verbannte sie dieser kurzerhand nach Frankreich, wo sie den Rest ihres Lebens in einem Kloster verbrachte. Doch der als äußerst grausam und jähzornig beschriebene Aleksandar und seine nichtadelige Frau Draga waren im eigenen Volk so sehr verhasst, dass sie bereits im Jahre 1903 einem Staatsstreich zum Opfer fielen. Eine Gruppe von Offizieren stürmte am 11. Juni den königlichen Palast in Belgrad, metzelte das Königspaar brutal nieder und warf die Leichen aus dem Fenster.

Die Villa Clementine stand unterdessen nach dem Politskandal wieder für einige Jahre leer. Von 1878 - 1882 war das Anwesen für den Mainzer Fabrikanten Ernst Mayer im historistischen Baustil mit römisch-pompejanischen Elementen errichtet worden. Dieser benannte es nach seiner Ehefrau Clementine Mayer, die jedoch noch vor der Fertigstellung an Typhus erkrankte und verstarb. Der Witwer hatte daraufhin kein Interesse mehr an der Villa und stellte sie zum Verkauf. Erst im Jahre 1891 fand das Anwesen in der Privatiersfamilie Siebel langfristige Nutzer und Eigentümer. 1960 verkaufte die Erbengemeinschaft Siebel die Villa Clementine an die Stadt Wiesbaden. Diese wollte den Gründerzeitbau zunächst im Rahmen einer Stadtneuplanung abreißen. Das gesamte Villenviertel Wiesbaden-Ost sollte einem neuen Stadtteil aus Wohnhochhäusern ähnlich den DDR-Plattenbauten weichen; an die Stelle der Villa Clementine sollte eine U-Bahn-Station kommen. Geistiger Vater dieses denkmalpflegerischen Albtraumes war der Architekt und Stadtplaner Prof. Ernst May. Wie viele seiner zeitgenössischen Kollegen war er ein Anhänger eines Bauhaus-Stils, dessen Ideale geometrisch simple, lediglich auf urbanistische Funktionalität ausgerichtete Wohn- und Arbeitsgebäude mit genormten Fußgängerzonen und vierspurigen Zubringerstraßen darstellen – kurzum: die typische triste Großstadt der Moderne. Wertvolle Baudenkmäler, vor allem solche des wilhelminischen Historismus wurden hingegen von den Verfechtern des Bauhauses als überflüssige Relikte vergangener Zeiten angesehen, die es zugunsten moderner Architektur zu beseitigen galt. Dieser Haltung fielen etwa das Braunschweiger Stadtschloss oder das Palais Thurn und Taxis in Frankfurt am Main zum Opfer. Bundespräsident Walter Scheel kritisierte die städtebaulichen Verfehlungen Anfang der 70er Jahre mit dem Satz: „In Deutschland ist nach dem Kriege vielleicht mehr Schutzwürdiges zerstört worden als während des Krieges selbst.“
Ende der 60er Jahre erfolgte jedoch unter dem Einfluss des CDU-geführten Magistrates ein Umdenken in der Stadt Wiesbaden, und die Abrisspläne für die Villa Clementine wurden verworfen. Sie dient seither als Kultureinrichtung für Vorträge, Konzerte und Lesungen. 1978 drehte der Hessische Rundfunk in dem altehrwürdigen Anwesen die zehnteilige Fernsehreihe „Die Buddenbrooks“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann, der darin das Selbstverständnis und die Selbstwahrnehmung einer hanseatischen Großbürgerfamilie sowie deren Niedergang beschreibt.

Im Jahre 2008 wurde unsere Firma mit einer umfassenden Fassadensanierung an dem Denkmal beauftragt. Zunächst erfolgte eine sorgfältige Reinigung der Fassaden und der aufwändigen Betonzierelemente im Pulverstrahlverfahren, wobei im Gebäudeinneren ein Überdruck erzeugt wurde, um den Staubeintritt zu minimieren. Dabei offenbarte sich bald das wahre Ausmaß der Schäden an der Außenhaut. Im Rahmen einer Sanierung in den 70er Jahren hatte man bereits zahlreiche Fehlstellen mit Antragungen auf Basis eines Mineros-Ergänzungsmörtels ausgebessert. Diese wiesen mittlerweile jedoch unzählige Risse auf und lösten sich größtenteils vom Untergrund. In enger, konstruktiver Zusammenarbeit mit dem verantwortlichen Planungsbüro A. Heideck aus Wiesbaden sowie dem beratenden Restaurator Herrn Raecke vom Hessischen Landesamt für Denkmalpflege entwickelten wir ein Sanierungskonzept, wonach der Eingriff in die Originalsubstanz so gering wie möglich gehalten wurde. Dementsprechend sicherten wir die Antragungen aus der ersten Sanierung mit GFK-Dübeln und Epoxidharz und überschlämmten sie nachfolgend im Zuge der Retusche mit Acrylharzdispersionsmörtel. Mit dem Ziel, einer erneuten Verwitterung der Fassade in Zukunft entgegenzuwirken, konnte auch die Denkmalbehörde davon überzeugt werden, eine vollständige Neuverblechung von Gesimsen und anderen waagerechten Außenflächen vorzunehmen. Das Gesamtwerk rundete schließlich noch eine Kompletterneuerung des Schriftzuges „VILLA CLEMENTINE“ auf der Hauptfassade ab. Die alten korrodierten Buchstaben aus gelötetem Kupferblech wurden dabei gegen Lettern aus massivem vergoldetem Aluminium ausgetauscht. Da der Schriftzug mit keiner heute gängigen Schriftart nachzuempfinden war, mussten die Originalbuchstaben aufwendig eingescannt und digitalisiert werden. Nur so war es möglich, für den Schriftzug detailgetreue Schablonen herzustellen.

Bild 1: Ablösen der Antragungen aus den 70er Jahren
Bild 2: Sicherung der alten Antragungen mit GFK-Dübeln

Die Bennert Gruppe Die Bennert Gruppe
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Bild 3 und 4: Alter und neuer Schriftzug „Villa Clementine“

Für die große Flexibilität, die interessanten fachlichen Auseinandersetzungen und das entgegengebrachte Vertrauen bedanken wir uns herzlich bei
Frau Wagner vom Hochbauamt der Landeshauptstadt Wiesbaden,
Herrn Heideck und Herrn Hruby vom Architekturbüro Heideck,
und Herrn Raecke vom Hessischen Landesamt für Denkmalpflege

Auf ein kleines Kunstwerk steinrestauratorischer Arbeit dürfen aus unseren Reihen stolz sein: Andreas Döpping (Vorarbeiter), Nicole Schimmel, Moritz Heym, Stefan Ehrich
und Peter Schieferdecker