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Jüdischer Schatz in der Hauptstadt von Thüringen – Erfurts Alte Synagoge

Die Bennert Gruppe

Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre haben wir bei zahllosen herunter-gekommenen Bauwerken die Verwandlung vom häßlichen Entlein zum stolzen Schwan erlebt. Doch bei keinem Gebäude war diese Metamor-phose so unglaublich, so unvorhersehbar, wie bei der Alten Synagoge in Erfurt. Vor wenigen Jahren noch fristete sie ein Dasein als vergessenes, vom Hausschwamm befallenes und von allen Seiten durch teilweise abscheuliche Anbauten verdecktes Lagerobjekt, das in seiner Agonie sowohl der Zerstörung durch die Nazis als auch der Abrißwut sozialistischer Stadtplaner entgangen war. Seit dem 26. Oktober 2009 ist sie ein Baudenkmal von europäischem Rang mit staunenden Besuchern aus aller Welt und hat Aussicht, in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen zu werden.
Die Bedeutung der Alten Synagoge erschließt sich bei einem Blick in die mittelalterliche Geschichte von Erfurt. Die Stadt stieg im 13. und 14. Jahrhundert in die Reihe der großen Metropolen des Deutschen Reiches auf, wobei als Basis ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Blüte der Handel mit dem Blaufärbemittel Waid gelten kann. Es war dies ein Fernhandel, der Kontakte in ganz Europa voraussetzte, ja ein internationales, nicht durch Sprachbarrieren behindertes Netzwerk erforderte. Ein solches Netzwerk boten die in der Diaspora über den gesamten Kontinent verstreuten Juden. In Erfurt bestand eine jüdische Gemeinde bereits im frühen Mittelalter. Das erste schriftliche Zeugnis ihrer Existenz in der Stadt ist der auf den Erzbischof Konrad I. von Mainz zurückgehende „Erfurter Judeneid“ (um 1185). Der Judeneid war eine für Juden in Rechtsstreitigkeiten mit Nichtjuden vorgeschriebene Eidesformel, in die man Elemente des Talmud integrierte, weil die christlichen Formeln für Nichtchristen keine Gültigkeit besaßen. Bischof Konrad, der nachweislich eine Schutzfunktion über alle deutschen Juden ausübte, hatte in den ältesten deutschen Judeneid zwar eine Reihe drakonischer Strafandrohungen für Eidbruch aufgenommen, wie Aussatz, Verschlingen durch die Erde, Vertilgen durch die zehn Gebote des Moses, jedoch noch keine diskriminierenden Formulierungen, wie sie in späteren Jahrhunderten aufkamen.
Die jüdische Gemeinde, die soviel zum Aufblühen von Erfurt beitrug, entwickelte sich auch zahlenmäßig rasch. Um 1300 sollen bereits 1.000 Juden gemeinsam mit ihren 16.000 christlichen Mitbürgern die belagerte Stadt gegen die Truppen des Landgrafen verteidigt haben. Eine Synagoge besaß die jüdische Gemeinde schon seit dem Ende des 12. Jahrhunderts in der Nähe des Benediktplatzes; sie erfuhr während der Zeit ihrer sakralen Nutzung Überformungen in vier Bauphasen. Die beiden ersten romanischen Baukörper sind nur noch durch Mauerfragmente und ein Zwillingsfenster nachweisbar; nach einem Brand wurde um 1270 ein Neubau mit einer Grundfläche von 16 m x 9 m und einer Höhe von rund 10 m errichtet; ein Anbau aus der Zeit um 1300 diente vermutlich als Knaben-schule und Frauenbetraum. Die Nutzung des Bauwerkes als Synagoge endet abrupt im März 1349, dem Jahr des „Erfurter Judensturms“. In einem Pogrom wurden 900 Juden ermordet, ihre Häuser geplündert, Überlebende flohen oder begingen Selbstmord. Die jüdische Gemeinde der Stadt Erfurt war ausgelöscht; die Synagoge baute man zum Speicher um. Warum?
Ein Baggerfund des Jahres 1998, rund 200 Meter von der Alten Synagoge entfernt, legt eine Antwort nahe. Die Baggerschaufel hob einen Schatz, der 3.000 Silber- und Goldmünzen, schwere gestempelte Silberbarren und mehr als 700 Einzelstücke gotischer Goldschmiedekunst umfaßte, darunter einen goldenen Hochzeitsring von
atemberaubender Schönheit in Form eines Miniaturgebäudes mit der eingravierten Inschrift „Mazel Tov“, auf Hebräisch „Viel Glück“. Vor dem Pogrom des Jahres 1345 hatte der jüdische Bankier Kalman von Wiehr seinen für die damalige Zeit geradezu märchenhaften Reichtum in der Erde vergraben, wo ihn die Plünderer nicht fanden. Der Wohlstand der vor allem im Kreditwesen tätigen, wirtschaftlich erfolgreichen Juden war ihren christlichen Mitbürgern nicht verborgen geblieben; er wird wohl Neid und Mißgunst mit fatalen Folgen hervorgerufen haben. Mord und Totschlag als mittelalterliche Variante der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit? Der Segensspruch im Hochzeitsring hat dem jungen Paar jedenfalls nicht das erhoffte Glück gebracht.
1354 kamen die ersten Juden nach Erfurt zurück. Noch einmal blühte die Gemeinde auf, für die der Erfurter Rat zwischen 1355 und 1357 hinter dem Rathaus eine neue Synagoge bauen ließ. Auf Grund ihrer Größe und der Autorität ihrer Gelehrten und Rabbiner galt sie bald als eine der angesehensten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich. Doch im 15. Jahrhundert nahm in Erfurt die antijüdische Stimmung zu. 1453 kündigte der Rat den Judenschutz auf; die Juden verließen die Stadt, in der sie ab 1458 auch nicht mehr geduldet wurden. Man baute die neue Synagoge zum Zeughaus um und zerstörte den jüdischen Friedhof – Erfurt war fortan für 400 Jahre „judenfrei“.

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Bild 1: Das verfallene Lagergebäude vor der Nordseite der Synagoge

Die Alte Synagoge überdauerte die Zeiten mit geringfügigen baulichen Veränderungen. Erst nachdem der „Cafetier“ Döbler in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Gebäude erworben hatte und darin einen Ballsaal einrichten wollte, kam es zu Umbauten, die im Wesentlichen auch heute noch das innere Erscheinungsbild der Synagoge prägen. 1876 wurde die Decke des ersten Obergeschosses entfernt und stattdessen eine umlaufende Galerie im Tanzsaal eingebaut. Baumaßnahmen zu DDR-Zeiten beschränkten sich auf das Einziehen einer Decke und mehrerer Leichtbauwände im Tanzsaal.
Nach der Wende veranlaßte das Denkmalamt der Stadt Erfurt, dem die Existenz einer Synagoge in dem Hinterhofchaos von Michaelisstraße und Waagegasse bewußt war, Untersuchungen des Bestandes und allererste Sicherungsarbeiten am Dach.

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Bild 2: Auch auf der Südseite ist vor lauter Anbauten nichts von der Synagoge zu sehen

Von Anfang an war klar, daß diese älteste und bis zum Dach erhaltene Synagoge Deutschlands aus den Baulichkeiten, die sie erdrückten, „herausgeschält“ und wieder instand gesetzt werden mußte. Schon der erste Teil dieser Aufgabe erwies sich als äußerst schwierig: Kaufverträge waren rückabzuwickeln und private Investoren auf den Nachbargrundstücken zur Duldung von Baumaßnahmen zu bewegen. Zu den 1999 endlich begonnenen Abrißarbeiten auf der Westseite schreibt der leitende Architekt Gerhard Schade vom Büro Rittmannsperger + Partner: „Zum Vorschein kam der zwar schadhafte, aber in seiner architektonischen Qualität immer noch sehr gut ablesbare Westgiebel der Synagoge von 1270 mit der zentralen Fensterrose in der Mittelachse. Als Zugeständnis für die Abrißerlaubnis mußte der zur Erweiterung der Gaststätte geplante Wintergarten gestattet werden, der heute ziemlich unglücklich die Südwestecke der Synagoge verstellt.“

Unsere Firma war von den ersten Notsicherungsarbeiten an mit den Gewerken Maurer, Zimmerer, und Dachdecker in sämtliche Bauabschnitte der Sanierung einbezogen. Am Westgiebel befürchteten wir wegen dessen starker Verformung ein plötzliches Stabilitätsversagen der äußeren Schale. Deshalb stellten wir eigene baudiagnostische Untersuchungen mit einer Wärmebildkamera an (siehe Bild 3 und 4), die nach unseren Überlegungen bei instationären Temperaturprofilen Aufschlüsse über Hohlräume hinter der äußeren Schale geben mußten. Das Ergebnis legte eine Einsturzgefahr nahe, die später durch Erkundungsbohrungen überzeugend belegt wurde. Vor einer Einrüstung stand damit das Erfordernis, vom Krankorb aus ein hochfestes Stahlseilnetz vor den Westgiebel zu spannen, um Leib und Leben der Gerüstbauer zu schützen.

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Bild 3 und 4: Die Aufnahme des Westgiebels mit der Wärmebildkamera legt die Existenz von großen Hohlräumen hinter der äußeren Mauerschale nahe

Auf eine weitere Schilderung der vielfältigen, anspruchsvollen und manchmal sogar sehr spannenden Arbeiten soll hier zugunsten von einigen Bildern verzichtet werden.
Inzwischen ist die Alte Synagoge mit ihrem neuen Empfangsbauwerk für Besucher geöffnet, die außer dem Objekt selbst höchst eindrucksvolle Exponate erleben: u. a. die älteste erhaltene hebräische Bibelhandschrift, den Erfurter Judeneid, die älteste und vollständigste Toseftahandschrift und vor allem natürlich den Schatz des Bankiers Kalman von Wiehr.
Obwohl wir den Löwenanteil an den Leistungen zur Instandsetzung der Alten Synagoge erbracht haben, waren wir zu deren Einweihungsfeier nicht mit eingeladen. An einer Unzufriedenheit über die Qualität unserer Arbeit kann es wohl kaum gelegen haben – vielleicht meinte man, dass wir von unserem Werklohn durchaus eine Eintrittskarte zu 5 Euro für eine spätere Besichtigung kaufen können. Und das haben wir dann auch getan.
Dem Planer der komplexen Instandsetzung, Herrn Gerhard Schade danken wir für eine mehrjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit. An der Alten Synagoge zu Erfurt haben ihre Handschrift hinterlassen:
Christof Englert, Jens Böge, Jens Henkel, Martin Oelfke, Valeriy Sava, René Weißenborn
Peter Köcher, Alexander Schultais, Steffen Rönsch, Uwe Tantz Michael Plock

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Bild 5 und 6: Der Westgiebel vor der Sanierung und nach der Sanierung