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Wellenreiten für Dachdecker – die Dachlandschaft der Burg Prunn im Altmühltal

Die Bennert Gruppe

Wer auf der Straße zwischen Kelheim und Riedenburg unterwegs ist, dem bietet sich schon von weitem der imposante Anblick der blütenweißen Burganlage mit ihren markanten roten Ziegeldächern, die auf einem über 100 m hohen Felsvorsprung emporragt. Seine Ursprünge hat der Bau bereits im elften Jahrhundert, als er urkundlich zusammen mit seinem Besitzer, Wernherus de Prunne, erstmalig erwähnt wird. In den darauf- folgenden Jahrhunderten wechseln die Geschlechter der Burgherren häufig, und mit den neuen Eigentümern gehen regelmäßig bauliche Veränderungen einher. Anfang des 17. Jahrhunderts wird der prominente Renaissancebau auf der Südseite errichtet. Die einstige Burg nimmt damit zunehmend Schlosscharakter an.

Es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, ob die damaligen Baumeister bei Planung und Konstruktion der Gebäude bewusst flexibel auf die beengten Verhältnisse auf dem Felsvorsprung reagierten oder ob es Ihnen einfach nur an präzisen Messinstrumenten fehlte - die Grundrisse der Mauern sind jedenfalls außerordentlich schiefwinklig und unregelmäßig. Diese Asymmetrie der Gebäude wirkt sich schließlich auch auf deren Dachlandschaft aus und verleiht ihr eine außerordentlich ungleichmäßige Form, wie auf Bild 1 gut zu erkennen ist. Hinzu kommt noch, dass die einzelnen Sparren der Dachstühle unter dem Gewicht der Ziegeldeckung sowie durch Quellen und Schwinden aufgrund von Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen über die Jahrhunderte hinweg jeder für sich eine individuelle Gestalt angenommen haben. Dies verleiht den ohnehin schon unregelmäßigen Dachflächen auch noch eine wellige Form. Die ausgeschriebene vollständige Neueindeckung mit Biberschwänzen auf einer Fläche von etwa 1.000 m² erforderte deshalb vom ausführenden Unternehmen einschlägiges Know-How und langjährige Erfahrung mit der Deckung komplizierter Dachlandschaften. So ist beispielsweise für jeden einzelnen der Sparren, die in ihrer Länge bis zu einem Meter voneinander abweichen, das individuelle Lattmaß zu ermitteln, also der Abstand zwischen den einzelnen querliegenden Dachlatten. Man geht dabei zunächst vom längsten Balken aus. Für die maximale Lattweite gilt die Formel:

maximale Lattweite = Ziegellänge - Mindestüberdeckung 
                                                        2

Die Mindestüberdeckung ist abhängig von der Dachneigung und beträgt im Falle von Prunn (Dachneigung zwischen 50 und 58°) 60 mm. Bei einer Ziegellänge von 38 cm ergibt sich somit eine maximale Lattweite von 16 cm. Bei einer Sparrenlänge von 10 Metern wären also 63 Lattenreihen notwendig, die in einem Abstand von jeweils 15,9 cm angebracht werden. Da diese 63 Lattenreihen aber über die ganze Dachfläche zu verlegen sind, ist dann auf einem nur 9 Meter langen Balken ein Lattmaß von 14,3 cm zu wählen.
Eine weitere Herausforderung bestand in der Herstellung des wellenförmigen Ortganges. Dabei musste in jeder Ziegelreihe dahingehend vorausschauend gearbeitet werden, dass der letzte Ziegel auf dem Ortgang etwa drei Viertel der Fläche eines unbearbeiteten Ziegels einnimmt (sog. Dreivierteldeckung). Damit dies gewährleistet ist, waren gelegentlich bereits vorherige Ziegel in der Reihe entsprechend zu verschmälern.
Die eigentliche Kunst bei der Arbeit auf einer welligen Dachfläche besteht jedoch in dem sogenannten Niederarbeiten der Dachziegel. Dabei werden die Kanten der Biberschwänze mit einem Ziegelhammer individuell abgeflacht, um ein sogenanntes Schnabeln beim Übereinanderlegen der Ziegel zu verhindern. Diese Arbeit erfordert vom ausführenden Dachdecker außerordentliches handwerkliches Geschick und Feingefühl.

Die Bennert Gruppe
Bild 1: Neueindeckung des Palas auf der Nordostseite

Neben dem hohen handwerklichen Anspruch, den das Objekt an unsere Mitarbeiter stellte, wurde ihnen auch eine entsprechende Höhentauglichkeit abverlangt: Die Traufhöhe an der Felsseite beträgt immerhin 140 m. Belohnt wurden unsere Männer dafür aber mit dem täglichen Ausblick auf eine der schönsten Landschaften des mittleren Bayern.
An der Südfassade, oberhalb der steilen Felswand, die übrigens für erfahrene Bergsteiger zwölf äußerst anspruchsvolle Kletterrouten bietet, prangt recht auffällig ein rotes Wappen mit einem springenden Schimmel. Hierbei handelt es sich um das sogenannte „Gurrenwappen“ der einstigen Herrscherfamilie Fraunberger vom Haag, welche unter anderem auch auf Burg Prunn residierte. Der Volksmund erzählt jedoch von einem anderen Ursprung des aufgemalten Rosses in Form einer sehr schönen Sage, die wir den Lesern unseres Kalenders nicht vorenthalten wollen:

Der Schimmel zu Prunn
Auf der Burg Prunn lebte einmal ein reicher Ritter, der keinen männlichen Leibeserben hatte, sondern eine einzige, sehr schöne Tochter. Den alten Herrn quälte schmerzlich der Gedanke, dass durch die Heirat seiner Tochter die Burg mit den schönen Besitzungen in die Hände eines Fremden kommen sollte. Da nun von allen Seiten junge Ritter kamen und um das schöne Ritterfräulein warben, setzte er ihnen eine schwere Bedingung: Nur der solle ihre Hand erhalten, der die Mauern der Burg umreiten würde. Viele wagten den entsetzlichen Ritt auf der steilen Felsenwand, aber sie stürzten alle an der Stelle, wo der Schimmel angemalt ist, in den Abgrund. Dessen ungeachtet kam wieder einmal ein junger und stattlicher Rittersmann als Brautwerber. Als er sich die furchtbare Strecke angeschaut hatte, die er durchreiten sollte, bat er sich drei Tage Bedenkzeit aus. Und so betrachtete er am ersten und zweiten Tag die jähen Felsen und sann darüber nach, ob er denn kein Mittel ersinnen könne, das Wagnis zu bestehen und die schöne Jungfrau zu gewinnen. Allein, er konnte keines finden. Als er am Abend des dritten Tages hilflos und verzweifelt am Fuß der Felsenwand ging, sah er aus einem Fenster der Burg an einer Schnur einen Zettel schweben, der immer tiefer herabkam, bis er ihn erreichen konnte. Er ergriff ihn und las: „Die Mauern reichen bis auf den Grund“. Und als er emporblickte, erkannte er das Antlitz der Schönen, die sich liebvoll herabbeugte. Und jetzt erst bemerkte er, dass zwischen den Felsenklüften die Schlossmauer tatsächlich den Grund berührte. Am nächsten Tag umritt er auf einem Schimmel kühn die Mauer der Burg an den Seiten des Berges als auch in der Tiefe. Dann forderte er von dem Ritter die Hand seiner Tochter. Der reiche Burgherr sträubte sich so, als ob der Sinn der Bedingung nicht erfüllt worden wäre. Aber die Beredsamkeit des Freiers und die Fürsprache seiner Tochter bezwangen sein Herz. Und so wurde das Ritterfräulein des glücklichen Ritters glückliche Braut. Das Bild des Rosses ließ der Ritter zum Andenken an die Außenmauer der Burg malen. Quelle: www.altmuehltal.de

Für eine gute Zusammenarbeit bedanken wir uns beim Planer Herrn Hans Siegmüller, seinem Mitarbeiter Herrn Krieg aus Regensburg sowie bei Herrn Mayer vom Staatlichen Bauamt Landshut.

Ein bewundernswertes Augenmaß für krumme Dachflächen und Schwindelfreiheit bewiesen an Burg Prunn: Jan Kaufmann, Holger Wündsch, Benny Stumpf, Maik Lauenroth