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Die Krone der Stadt Gera strahlt wieder – in zweijähriger Arbeit wurden Turm und Westfassade der Kirche St. Salvator restauriert

Die Bennert Gruppe

Die dreischiffige, zwischen 1717 und 1720 nach Plänen des kursächsischen . Ihr Turm wurde erst 1778/1779 angefügt, nachdem man mit einer eigens dafür eingerichteten Turmbaulotterie die erforderlichen Mittel aufgebracht hatte. Schon im darauffolgenden Jahr fiel er einem großen Stadtbrand zuLandesbaumeisters David Schatz errichtete Barockkirche St. Salvator ist die bedeutendste Kirche der ostthüringischen Stadt Geram Opfer, wobei seine Haube auf das Kirchenschiff stürzte und den gesamten Innenraum zerstörte. 1782 war die Kirche wieder aufgebaut und konnte zu Weihnachten neu geweiht werden. Im Jahr 1898 brach man die unterhalb der Kirche gelegenen Häuser ab und errichtete an ihrer Stelle die repräsentative zweiläufige Freitreppe zur Terrasse vor der
Salvatorkirche, die den städtebaulichen Rang des Gotteshauses eindrucksvoll unterstreicht. 1909 erfolgte unter der Leitung des Stadtbaurates Adolf Marsch eine außergewöhnliche Umgestaltung des Innenraumes: Man überformte ihn im Sinne des Jugendstils. Auch der barock gegliederte Orgelprospekt ist seitdem im Detail ein Musterbeispiel für den Jugendstil. Nachdem im Zeitalter des Barock so viele Kircheninnenräume umgestaltet wurden, dass das Wort „Barockisierung“ Eingang in den Sprachgebrauch gefunden hat, dürfte die sakrale „Jugendstilisierung“ allerings ein einmaliges baugeschichtliches Ereignis sein.

Beim Bau der Kirche St. Salvator hatte man aus Kostengründen ein Natursteinmaterial verwendet, das wenig geeignet war, dem Zahn der Zeit für lange Zeit zu widerstehen. Der in Kraftsdorf bei Gera gewonnene helle Sandstein hat an vielen bedeutenden Bauwerken der Stadt zu vorzeitigem Verschleiß geführt. Der Dolomitgehalt des bindemittelarmen Sandsteins wandelt sich unter der Einwirkung von schwefliger Säure in Gips und Magnesiumsulfate um, was mit einem völligen Festigkeitsverlust der Natursteinmatrix verbunden ist. Schweflige Säure entsteht bei der Verbrennung schwefelhaltiger Brennstoffe mit nachfolgendem Zutritt von Luftfeuchtigkeit oder Regen. Die exzessive Verfeuerung von hoch schwefelhaltiger Rohbraunkohle (Spitzname der Bevölkerung: Blumentopferde) setzte zu DDR-Zeiten riesige Mengen von Schwefeldioxid frei. Zwar bemühte man sich, wenigstens das durch die Fabriken erzeugte giftige Gas mit immer höheren Industrie-schornsteinen weit über den Köpfen der Bürger des Arbeiterund Bauernstaates freizu-setzen, doch reichte bereits der Hausbrand aus, um bei Inversionswetterlagen in den größeren Städten einen bläulichen Nebel zu erzeugen, der zum Husten reizte und die Augen tränen ließ. Und selbstverständlich fand auch der größte Teil des industriellen Schwefeldioxids über dem Staatsgebiet der DDR als saurer Regen wieder den Weg nach unten, wo er Waldsterben verursachte oder eben Sandsteine schädigte.

Die mit der Sanierung der Salvatorkirche betraute Architektin Frau Dr. Löffler schreibt in der vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie herausgegebenen Denkmaltopographie (Band 3): „Besonders dramatisch zeigt sich dieses Schadbild an der Westfassade der Salvatorkirche, deren gliedernde Architekturelemente wie Pilaster, Gesimse und Konsolsteine sowie die Bauplastik aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast gänzlich verwittert sind.“ Bei der Restaurierung mussten diese in erheblichem Umfang durch Neuteile ersetzt werden. Verbleibende Sandsteinbauteile wurden im Kompressenverfahren entsalzt und mit Kieselsäureester, aber auch mit einer verdünnten Epoxidharz-lösung gefestigt. Reprofilierungsmaßnahmen erfolgten unter Verwendung eines acrylatdispersions-gebundenen Steinrestauriermörtels. Die Aufzählung der insgesamt ausgeführten, sehr speziellen restauratorisch-konservatorischen Maßnahmen würde den Rahmen dieses Kalenderblattes sprengen. Stattdessen möchten wir den Auftrag an der Geraer Salvatorkirche zum Anlaß nehmen, die Auftraggeberin zu würdigen, für die wir im Laufe unserer Firmengeschichte noch mehrere hundert weitere Objekte bearbeiten durften und die es seit dem 1. Januar 2009 nicht mehr gibt: die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen. Die Initiative zur Gründung einer Thüringer Landeskirche ergriffen Professoren der Theologischen Fakultät Jena im Jahre 1918, als sie im November zu einer Kirchenversammlung einluden. Zuvor hatten in Thüringen – dem „Nest der Zaunkönige“ – ein Großherzog, drei Herzöge und vier Fürsten als Landesherren auch das Regiment ihrer Kirchen inne gehabt. Als sie unter dem Druck der November-revolution abdanken mussten, war damit der Weg sowohl für die Bildung eines Landes Thüringen, als auch einer Thüringer evangelischen Kirche frei. Anfang 1921 hatte sich diese Kirche in der kleinthüringischen Variante, also ohne die kurhessische Enklave um Schmalkalden und drei preußische Inseln um Erfurt, Wandersleben und Ziegenrück konstituiert – die Grenzen des Wiener Vertrages von 1815 lebten damit in der Thüringer Landeskirche fort. Sie gab sich als staatsfreie Volkskirche eine demokratische Struktur, in der nicht nur die Gemeindekirchenräte, sondern auch der Landeskirchenrat vom Kirchenvolk gewählt wurden. Dieser Landeskirchenrat nahm seinen Sitz auf dem Pflugensberg bei Eisenach. Der neuen Kirche waren nur zwölf Jahre einer freien Entwicklung ohne massiven Druck des Staates vergönnt: Am ersten Mai 1933 wurde vor dem Landeskirchenamt als einzige noch zugelassene Fahne das Hakenkreuzbanner gehißt, das dort bis zum Zusammenbruch flatterte. Es begann die Gleichschaltung mit erschreckenden Beispielen, wie die „Bekanntmachung über die kirchliche Stellung evangelischer Juden“, bei der die Leitungen von sieben deutschen evangelischen Kirchen mit ihrer Unterschrift „die Kennzeichnung der Juden als geborene Welt- und Reichsfeinde“ für notwendig erachten und den Juden-Christen jegliche Gemeinschaft verweigern, weil „… durch die christliche Taufe an der rassischen Eigenart eines Juden, seiner Volkszugehörigkeit und seinem biologischen Sein nichts geändert wird.“

1945 stand die Thüringer Kirche vor der Aufgabe einer inneren Reinigung und einer Neuorientierung, die sie auch mit der Umbenennung in „Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen“ deutlich machte. Es gelang ihr, zur neuen, diesmal kommunistischen Diktatur eine sehr weitreichende Distanz zu halten. Der Freiraum, den sie unter ihrem Dach bewahren konnte, machte sie schließlich zur Wegbereiterin der friedlichen Herbstrevolution des Jahres 1989.
Auch nach der Wende existierten in der Thüringerischen Landeskirche die Enklaven der Landeskirche Provinz Sachsen in den Grenzen von 1815 weiter. Die zwei Kirchen waren damit in einer Weise verflochten, die eine engere Zusammenarbeit geradezu herausforderte.

Die Bennert Gruppe
Bild 1: St. Salvator in der Kur: Zwischen steinrestauratorischen Antragungen ist bereits eingetiefte Vergoldung zu sehen

Als Ende der 90er Jahre in beiden Kirchen die dringende Notwendigkeit einer Haushaltskonsolidierung erkannt wurde, lag der Gedanke nahe, notwendige Einsparungen durch eine Föderation zu realisieren. Von diesem Gedanken bis zum Zusammenschluss zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland am 1. Januar 2009 war es ein langer und schwieriger Weg. Die neue Landeskirche hat 38 Kirchenkreise mit 3.315 Kirchgemeinden und ca. 900.000 Gemeindemitglieder. Sie wird sich in den kommenden Jahrzehnten einer weiteren Herausforderung stellen müssen: der demografischen. Bis 2050 wird durch die Veränderung der Alterspyramide der Bevölkerung und durch weitere Abwanderung die Zahl ihrer Mitglieder vorraussichtlich um 400.000 schrumpfen. Problematisch ist für die Kirche auch die Tatsache, dass auf ihrem Territorium das Dorf seine historische Existenzberechtigung verloren hat, die ausschließlich in der unmittelbaren Nähe von Wohnhaus und dem Arbeitsort Acker bestand. Seit in der industriellen Landwirtschaft 700 Hektar von 2 Personen bewirtschaftet werden können, ist diese Nähe bedeutungslos geworden und Dörfern, die keine neue Existenzberechtigung – z.B. durch kostengünstiges naturnahes Wohnen – erlangen können, bleibt nur die Perspektive der Wüstung. Was wird dann aus den vielen jahrhundertealten, kulturtragenden Kirchengebäuden? Sie sollten dennoch nicht verschwinden, denn es bleibt die Möglichkeit, dass ein solches Siedlungsvakuum durch Klimaflüchtlinge wieder gefüllt werden könnte. Und vielleicht sind unter diesen Flüchtlingen ja auch Christenmenschen.

Wir möchten uns bei Herrn Kirchbaumeister Kessler und Herrn Pfarrer Buchenau, sowie bei der Architektin Frau Dr. Löffler für die erfreuliche Zusammenarbeit an der Salvatorkirche herzlich bedanken.
Als Akteure vor Ort sind zu nennen: I. Heidler, O. Gieskes, L. Pechstein, Ph. Krenze, T. Kral, F. Hanke, F. Voigt.
Tabufreie Gedanken zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklung macht sich die Stiftung Schloss Ettersburg – Gestaltung des demografischen Wandels (www.stiftung-ettersburg.de).